Tania Guillaume

Zwischen Ohnmacht und Aufbruch

Gedanken zur Maienzeit zwischen Karfreitag und Pfingsten
In diesen Tagen wachsender Unsicherheit, von Machtausbrüchen, Erschöpfung und stiller Angst, können wir den Jüngern vielleicht näher sein, als uns lieb ist. Auch sie standen da – fassungslos, den Blick nach oben gerichtet –, als Jesus auf „seiner Wolke“ entschwand, als würde er einfach hinaufgezogen, weg aus ihrer greifbaren Welt.
Weg.
Und was bleibt, ist Leere.
Kein Jesus mehr, der vorangeht. Keiner, der Orientierung gibt, der Mut zuspricht, der die Dinge zurechtrückt. Dabei wussten sie es doch längst – seit 49 Tagen: Er war tot. Und doch… war er es wirklich gewesen? War er nicht auferstanden? Hatten sie ihn nicht gesehen, gehört, gespürt? War er nicht immer wieder mitten unter ihnen gewesen?
Und nun: Schluss.
Ein endgültiger Abschied.
Er ist aufgestiegen in den Himmel. Dorthin, wo das verheissene Festmahl wartet. Aber was wird aus ihnen, den Jüngern? Wie sollen sie sich jetzt zurechtfinden? Der Retter: unsichtbar. Fern. Still.
Ohnmacht legt sich über ihre Herzen. Angst, Trauer, Verwirrung – ein ganzes Geflecht von Gefühlen, das kaum zu ordnen ist.
Ja, da war doch noch etwas gewesen: die Rede von einem „Parakleten“, einem Helfer, einem Tröster. Ein Versprechen. Aber eines, das noch in der Luft hing, unklar, kaum greifbar. Wann sollte er kommen? Und wie lebt man weiter bis dahin?
Und dann diese Stimme: fast ein wenig unbequem, fast schon entlarvend –
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“
Ja… was eigentlich?
Kennen Sie dieses Gefühl?
In den vergangenen Wochen und Monaten haben uns die Ereignisse in der Welt immer wieder genau dorthin geführt: in dieses erstarrte, perplexe Staunen, in diese Mischung aus Fassungslosigkeit und Ohnmacht.
Auch wir schauen – nicht in den Himmel, sondern auf Bildschirme. Auf Nachrichten, die sich überschlagen. Auf leuchtende Anzeigen der Tankstelle, auf Zahlen, die steigen. Wir sehen, wie Konflikte sich ausweiten, wie Lebensräume zerstört werden, wie Menschen, Tiere und Natur unter Druck geraten. Und oft bleibt nur dieses stille Fragen: Wohin führt das alles?
Was sollen wir jetzt tun? Was kann ich jetzt tun?
Und dann – nicht lautlos, sondern überraschend, fast erschütternd – kommt Bewegung hinein.
Nicht aus der Ferne, sondern mitten hinein in die Lähmung.
Der Geist.
Ein Brausen, ein Aufleuchten, ein Durchatmen. Kraft, die aufrüttelt und aufrichtet. Die Jünger kommen wieder auf die Beine. Sie finden Worte. Sie finden Mut. Sie gehen hinaus.
Nicht, weil plötzlich alles geklärt wäre.
Sondern weil in ihnen etwas neu lebendig wird.
Das ist der Weg von Karfreitag zu Pfingsten:
Vom erschütternden Verlust – durch eine Zwischenzeit voller Fragen, Zweifel und tastender Hoffnung – hin zu einem neuen Anfang.
Eine Zeit, in der das Leben stillsteht.
In der man lernen muss, ohne das Vertraute weiterzugehen.
In der alles neu gesucht, neu gedacht, neu gewagt werden will.
Und dann – irgendwann – beginnt sich die Welt wieder zu drehen.
Leben kehrt zurück.
Kraft wächst.
Hoffnung bekommt wieder Raum.
Pfingsten.
Möge diese Maienzeit uns genau das schenken:
dass wir aus dieser verwirrenden "Zwischen-Zeit", ins Leben zurückfinden, einen neuen Atem voller Begeisterung für's Leben bekommen. Dass die Zuversicht trägt und neue Wege eröffnet.

Aquarell_Jünger_Pfingsten: Die Jünger schauen stutzig in den Himmel der Wolke nach, mit der Jesus in "seine Wohnung" zieht (Foto: Tania Guillaume)
Bild: by T. Guillaume:
Die Jünger schauen stutzig in den Himmel der Wolke nach, mit der Jesus in "seine Wohnung" zieht



Apostelgeschichte 1, 7 - 11
7 Der auferstandene Jesus spricht zu seinen Jüngern 8 Ihr werdet aber Kraft empfangen, wenn der heilige Geist über euch kommt, und ihr werdet meine Zeugen sein, in Jerusalem, in ganz Judäa, in Samaria und bis an die Enden der Erde.
9 Als er dies gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. 10 Und während sie ihm unverwandt nachschauten, wie er in den Himmel auffuhr, da standen auf einmal zwei Männer in weissen Kleidern bei ihnen, 11 die sagten: Ihr Leute aus Galiläa, was steht ihr da und schaut hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weiser wiederkommen, wie ihr ihn in den Himmel habt auffahren sehen.

Pfrn. Tania Guillaume
Bereitgestellt: 28.04.2026     Besuche: 3 heute