Mühleberg war die Stelle seines Lebens.
Fast 35 Jahre war Christfried Böhm hier reformierter Pfarrer. Nun geht er in Pension.
Pfr. Christfried Böhm auf der Kanzel der Kirche Mühleberg
Auf dem langen Tisch im Kirchgemeindesaal hat er Fotos ausgebreitet. Pfarrer Christfried Böhm als Chorleiter, als Bräutigam, auf der Kanzel, mit der Motorsäge in der Hand bei der Gartenarbeit. Seine Frau Susanne im Blumengarten des Pfarrhauses, bei Kirchenausflügen, im Gespräch mit Gemeindemitgliedern. Die späteren, digitalen Aufnahmen fehlen - dafür wäre der Tisch auch zu kurz. Christfried Böhm hat fast 35 Jahre in Mühleberg gelebt und gearbeitet, unzählige Gottesdienste gefeiert - davon alleine 74 Konfirmationen. Viele Hilfesuchende sind bei ihm und seiner Frau im Pfarrhaus ein- und ausgegangen. Was immer diese Menschen brauchten, seine Frau unterstützte ihn dabei «mit viel Herzlichkeit und Kreativität», wie er sagt.
Mühleberg war das Pfarramt seines Lebens und auch wenn es Zeiten gab, in denen er die Stelleninserate studierte, ist er doch immer geblieben. Viele Veränderungen hat er miterlebt, im Dorf selbst die Reduktion von fünf Schulhäusern auf eines, die Schliessung von vier von fünf Käsereien und das Ende manches Dorfvereines mangels Nachwuchses. Auch in der Kirchgemeinde die Reduktion des Rates von 11 auf 7 Mitglieder und die Neuschaffung von Stellen in der Administration und der Sozialdiakonie.
Christfried Böhm wächst in Straubing in Niederbayern als jüngstes von drei Kindern auf. Schon in seiner Kind- und Jugendzeit lernt er die schmerzhaften Seiten des Lebens kennen, als die Mutter schwer erkrankt und er sie als Jugendlicher zusammen mit seinem Vater bis zu ihrem Tod pflegt. Prägend sind auch die Aktivitäten in der kirchlichen Jugendgruppe Bayreuth, mit der er viel unternimmt, Schönes erlebt und sich gewiss wird: Gott gibt es wirklich und er liebt die Menschen. Alle.
Um den Menschen von dieser Liebe zu erzählen, will er Pfarrer werden. Er studiert in Erlangen, Basel und München Theologie und kommt für sein Vikariat der Liebe wegen in die Schweiz. Denn an einem grossen Treffen verschiedener Jugendgruppen hat er seine Frau, die Kindergärtnerin Susanne aus Diessbach bei Büren kennengelernt, die er im August 1991 heiratet. Auf der Suche nach einem Pfarramt sticht ihm die Ausschreibung aus Mühleberg ins Auge: Gesucht wird ein Pfarrer, der «das Evangelium praxisnah und im Glauben wegweisend verkündet». Die historische, aber doch moderne Kirche, die ländliche Gemeinde, das altehrwürdige Pfarrhaus - all dies sagen ihm und seiner Frau zu.
Im März 1991 steht Böhm zum ersten Mal offiziell als Pfarrer vor seiner Kirchgemeinde. Titel seiner Predigt: "Aller Anfang ist schwer." – basierend auf Philipper 1,6: «Der in euch angefangen hat das gute Werk…». Er schliesst mit Zuversicht und geht ebenso engagiert ans Werk. Den Talar trägt er schon bald nicht mehr und steigt in normalem Anzug auf die Kanzel. In der Kirchlichen Unterweisung führt er ein Wahlfachsystem ein, damit die Jugendlichen aus verschiedenen Angeboten auswählen können. Er gründet einen Gospelchor und bindet verschiedentlich die ortsansässigen Vereine in den Gottesdienst ein. Mit Erfolg: übervoll etwa ist die Kirche bei gemeinsamen Konzerten des Gospelchores und der Musikgesellschaft Mühleberg.
Dem schweizweit stattfindenden Rückgang der Gottesdienstteilnehmenden und Kirchenmitglieder begegnet Böhm mit neuen, dem gesellschaftlichen Wandel angepassten Programmen. Er geht dahin, wo die Leute sind: mit der Gelateria di Berna ans Schulfest, mit dem Senioren-Mittagstisch ins Restaurant oder lädt unter dem Titel "Kirche ist auch mein Bier" zu einem Männerabend in eine Bar. Begegnungen, die bewusst nicht in kirchlichen Räumen stattfinden. Die Gottesdienste werden vielfältiger, bestimmten Altersgruppen angepasst, finden auch mal auf der Holzbrücke in Gümmenen oder vor der Kirche statt.
Doch trotz der Herausforderungen: Böhm liebt seinen Beruf, seine Berufung. Weil es "gläbts Läbe" ist, wie er in seinem unverkennbaren Mundart-Mix sagt. Menschen im Leben begleiten, sei es im Rahmen einer Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Beerdigung, erfüllt ihn mit Freude. Als Pfarrer ist er bei prägenden Weggabelungen dabei, bei grösster Freude oder tiefster Trauer. Und er pflegt vielfältige Beziehungen, vom Smalltalk an kirchlichen Anlässen bis zu tief gehenden, persönlichen Gesprächen mit Ratsuchenden. Weiterbildungen besucht er vor allem im Bereich Seelsorge, die ihm besonders am Herzen liegt. "Durch dich habe ich Beten gelernt", sagte ihm letzthin ein Mann, mit dem er sich regelmässig zum seelsorgerlichen Gespräch traf.
Solches freut ihn.
Nachdem 2017 in Mühleberg im alten Schulhaus eine Kollektivunterkunft für Asylsuchende eröffnet wurde, entstehen neue Kontakte. Böhm organisiert ein Kontakt-Café und hilft, auch wenn er weder Chinesisch noch Arabisch spricht. Gestärkt auch immer von ganz oben. "Mein Chef hat mich nie im Stich gelassen", sagt Böhm rückblickend. Auch in jenen Situationen nicht, in denen er heute manches anders angehen würde.
Jetzt aber, kurz vor seiner Pensionierung, hält er sich ganz an die Jahreslosung 2025 aus dem 1. Thessalonicher 5,21: "Prüfet alles und das Gute behaltet." Das beherzigt er, was seine Erlebnisse und Erfahrungen in Mühleberg angeht, aber auch ganz profan sein Büro betrifft. Längst schon hat er angefangen, seine Sachen zu räumen.
Er freut sich auf die Zeit danach, wenn er vermehrt mit seiner Frau Cabrio-Ausflüge unternehmen und sich in seinen Bastelraum in Murten zurückziehen kann. Wenn wieder Zeit bleibt für sein grosses Hobby, die Modelleisenbahn, die derzeit noch in Schachteln ruht. Bevor es soweit ist, hält er am 19. Oktober, einen Tag vor seinem 65. Geburtstag, seine letzte Predigt. Nicht die letzte seines Lebens, sondern die letzte als offizieller Pfarrer von Mühleberg. Denn von Gottes Liebe wird er weiterhin erzählen. Im Rahmen von Stellvertretungen oder wo immer dies gefragt ist. Sein Amt gibt Christfried Böhm auf, nicht aber seine Berufung.
Autorin: Sarah Fasolin, im Auftrag des Kirchgemeinderates Mühleberg
Im Oktober wird sich Christfried Böhm im "reformiert" sowie hier auf der Homepage mit einem persönlichen Beitrag von der Mühleberger Bevölkerung verabschieden – bereits heute laden wir Sie herzlich zum Abschiedsgottesdienst am
Sonntag, 19. Oktober 2025,
10 Uhr in der Kirche Mühleberg, ein.
Kirchgemeinderat Mühleberg